Interesse und Verständnis für Technik und Naturwissenschaften müssten frühzeitig geweckt und kontinuierlich entwickelt werden, denn schon 10- bis 11-Jährige hätten eine grundsätzlich positive oder negative Grundhaltung zu Technik, die sich bis zum Studierendenalter nicht ändere. Das geht aus Studien von acatech und des Verbands Deutscher Ingenieure VDI zu Einstellungen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu Technik hervor.
Nachwuchsmangel in den MINT-FächernDabei wurden erstmals systematisch Schüler verschiedener Altersgruppen, deren Eltern und Studierende zu ihren Einstellungen gegenüber Technik und Naturwissenschaften sowie damit verbundenen Berufen befragt. Hintergrund ist der Besorgnis erregende Nachwuchsmangel in den MINTFächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik). Die 2009 veröffentlichten Studien "Wege zur Technikfaszination. Sozialisationsverläufe und Interventionszeitpunkte", "Nachwuchsbarometer Technikwissenschaften" und die Handlungsempfehlungen "Strategie zur Förderung des Nachwuchses in Technik und Naturwissenschaft" zeigen erheblichen Reformbedarf auf.
Generell wünschen sich danach Kinder und Jugendliche viel mehr praxisbezogenen Unterricht in Technik und Naturwissenschaften. Sowohl Jungen als auch Mädchen wollen in Experimenten etwas herauszufinden, kreativ sein und ihre Leistungen vergleichen. Zudem müssten Versuche und Lehrstoff mit der Erfahrungswelt der Kinder verknüpft sein, um echtes Interesse und nachhaltige Kompetenzen zu erzeugen, heißt es in "Wege zur Technikfaszination".
Stiefkind NaturwissenschaftenDies könne eine "Art Königsweg" sein, damit Schüler naturwissenschaftliche Fächer positiv bewerten. Der meist vorherrschende Frontalunterricht mit zu viel Theorie werde als trocken und bezuglos empfunden. Es fehlten gut ausgebildete Lehrer. Auch sei naturwissenschaftlicher Unterricht (Biologie, Chemie, Physik) im Vergleich zu den Hauptfächern in den Stundenplänen unterrepräsentiert und werde nicht kontinuierlich gelehrt.
Mädchen und Jungen unterscheiden sich den Studien zufolge nicht bei der Nutzung der Technik, wobei vor allem der Umgang mit modernen Elektronikgeräten wie Computer, Internet oder Mobiltelefon erfragt wurde. Diese Alltagstechnik haben beide Geschlechter voll in ihr Leben integriert, spielen, arbeiten oder kommunizieren damit.
Mädchen trauen sich weniger zu als Jungen
Auch in ihren technikrelevanten Leistungen unterscheiden sie sich nicht bedeutsam. Aber: Mädchen haben deutlich weniger Selbstvertrauen in Sachen Technik. Schon im Alter von 10 bis 11 Jahren geben sie "eine statistisch signifikant geringere Selbstwirksamkeits- und Kontrollüberzeugung im Umgang mit Technik" an, schreiben die Autorinnen Martina Ziefle und Eva-Maria Jakobs. Zudem führen Mädchen mangelndes Verständnis technischer Inhalte eher auf die eigene Person zurück, Jungen sehen eher externe Gründe und Umstände.
Da geringes Selbstvertrauen in Sachen Technik zu Hemmschwellen führt und verhindert, sich an Lösungen für technische Probleme zu wagen, seien Mädchen von der Gefahr einer Abwärtsspirale bedroht. Dabei sei eine hohe Technikexpertise nicht nur Folge von Begabungen, sondern auch von der Fähigkeit, am Ball zu bleiben, eine technische Aufgabe zu Ende zu führen und zu lösen, so die Studie. Das nach wie vor geringe Selbstvertrauen der Mädchen beruht auf tradierten Vorurteilen und alten Rollen- und Kompetenzverteilungen innerhalb der Familie. So ist nach Angaben der Befragten vor allem der Vater Ansprechpartner für technische Fragen.
Passgenauere Ansprache von MädchenDie Erkenntnisse aus den Studien zu den vielfältigen Motiven für die Berufswahl geben auch Hinweise auf eine passgenauere Ansprache von Mädchen. Da Mädchen und Frauen bevorzugt Berufe ergreifen, in denen sie im weitesten Sinn etwas zu einer besseren Welt beitragen können, sollte künftig verstärkt auf die gesellschaftlichen Beiträge moderner Technik hingewiesen werden. Insgesamt besteht bei Mädchen und Jungen, aber auch bei ihren Eltern, eine oft unzureichende Vorstellung über technische Berufe, wobei das Berufsimage durchaus positiv ist.
Nach Klischeevorstellungen gelten zum Beispiel Ingenieure zwar als besonders intelligent, zugleich aber auch als sozial und sprachlich unbegabt. Dem ist aber durchaus nicht so. Der Studie "Technikfaszination" zufolge sind auch Kinder und Jugendliche, die sich ein hohes Technikverständnis zuschreiben, offener für neue Erfahrungen, gewissenhafter und sozial kompetenter als Gleichaltrige mit angegebenen niedrigem Technikverständnis.
Handlungsbedarf für die BerufsberatungAber auch Lehrer könnten kein realistisches Bild von den Tätigkeiten der verschiedenen technischen Berufe vermitteln. Hier sehen die Untersuchungen "deutlichen Handlungsbedarf" für Berufs- und Studienberatung.
Als ein großes Manko werten die Autorinnen, dass Naturwissenschaften und Technik – aufgrund alter, überholter lernpädagogischer Auffassungen – in den Lehrplänen für Grundschule und frühe Mittelstufe kaum vorkämen. Dabei verfügten "12- bis 14-Jährige über die für die Auseinandersetzung mit technisch-naturwissenschaftlichen Problemstellungen nötige kognitive Grundausstattung technikrelevanter Fähigkeiten" wie räumliches Vorstellungsvermögen oder Gedächtnisfähigkeiten. Die Studie "Technikfaszination" spricht hier von einer der "größten Fehleinschätzungen der deutschen Bildungspolitik" und einer der "maßgeblichen Ursachen der langfristigen Abkehr von technischen Berufen". Eine hohe Technikfeindlichkeit in Deutschland konnte das "Nachwuchsbarometer" nach eigenen Angaben hingegen nicht belegen.
Ursula Mommsen-Henneberger (dpa-Dossier Bildung Forschung 02/11.01.2010)